Zum Umgang mit Niederschlagswasser

mittenwalde-300x183_f_improf_300x183Die Abführung von Niederschlagwasser, bzw. Regenwasser stellt insbesondere bei großflächigen Anlagen und Gebäuden in Gewerbegebieten mit einem hohen Anteil versiegelter Flächen, Architekten und Ingenieure vor wachsende technische und gestalterische Herausforderungen.

Bei der Ableitung des Niederschlagwassers ist zwischen der direkten Einleitung in die öffentliche Kanalisation und der Versickerung auf dem Gelände zu unterscheiden. Letztere wird zunehmend auch bei gewerblichen Nutzungen aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen empfohlen oder gar vorgeschrieben.

Wenn das Niederschlagwasser aus dem Bereich von bebauten oder befestigten Flächen an Ort und Stelle natürlich versickern kann, ist es noch kein Abwasser. Erst wenn Niederschlagwasser aus dem Bereich von bebauten oder befestigten Flächen abfließt und Vorkehrungen getroffen werden, dass das gesammelte Niederschlagwasser an Ort und Stelle versickern kann, fällt es unter das jeweilige Landeswassergesetz des entsprechenden Bundeslandes. Das Niederschlagwasser wird dann als Abwasser bezeichnet und muss, gegebenenfalls, behandelt werden.

Die zielgerichtete Einleitung des Niederschlagswassers in das Erdreich bedarf grundsätzlich einer wasserrechtlichen Erlaubnis durch die untere Wasserbehörde.

Grundlage dieses Antrags auf Erteilung einer Erlaubnis sind neben dem Wasserhaushaltsgesetz (WHG), dem Landeswassergesetz (LWG), den Vorschriften der Landesbauordnungen, die Durchführungsverordnungen der Länder.

Insbesondere folgende zehn Parameter beeinflussen die Entscheidung zugunsten einer Versickerungslösung in der Planung.

1. Niederschlag ist nicht gleich Niederschlag

Niederschlagswasser wird je nach Verschmutzungsgrad in unbelastetes, schwach belastetes und stark belastetes Niederschlagswasser unterschieden. Die Einstufung wird maßgeblich vom Ort des Niederschlages, sowie der Oberfläche des Niederschlages bestimmt. So ist – außer in Industriegebieten – der Niederschlag auf nicht metallischen Dachoberflächen regelmäßig als nicht belastet einzustufen, Niederschlag auf Hof-/ und Verkehrsflächen je nach Verkehrsdichte, ist jedoch als schwach bis stark belastet zu bewerten. Belastetes Niederschlagswasser muss vor einer Einleitung in das öffentliche Kanalnetz oder der Versickerung behandelt werden. In den Wasserschutzzonen I und II ist die Versickerung auch nur schwach belasteter Niederschlagswasser ohne Vorbehandlungsmaßnahmen grundsätzlich verboten.

2. Niederschlagsmenge

Eine sorgfältige Ermittlung der maximalen Niederschlagsmengen ist Grundlage für die Bestimmung der richtigen Entwässerungslösung. Bei der Bestimmung der Niederschlagsmengen sind die jeweils aktuellen Regenreihen nach Kostra zu beachten.

3. Zulässige oder geforderte Einleitung in die öffentliche Kanalisation

Vor der Entscheidung, eine Versickerung des Regenwassers auf dem Gelände zu planen, muss überprüft werden, ob eine Einleitung oder Ableitung des Regenwassers in die öffentliche Kanalisation zulässig ist, ggf. durch die Gemeinde / Untere Wasserbehörde sogar gefordert wird. Bei der Entscheidung über den richtigen Lösungsweg sind die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen der Versickerung und alternativen Einleitung in die öffentliche Kanalisation abzuwägen. Bei der Bemessung der wirtschaftlichen Folgen einer Einleitung dürfen neben den Abwassergebühren, die Kosten erforderlicher baulicher Maßnahmen, wie Pufferbauwerke oder Pumpanlagen, nicht außer Acht gelassen werden.

4. Grundwasserverhältnisse

Der höchste zu erwartende Grundwasserstand ist nicht nur ausschlaggebend für die Positionierung baulicher Anlagen und Erschließungsanlagen im Gelände, sondern auch für die Planung einer Versickerungsanlage, da eine Versickerungsstrecke, z.B. ab Rigolensohle, von mindestens 1 m bis zum höchsten Grundwasserspiegel gewährleistet sein muss. Bei der Bestimmung des höchsten Grundwasserspiegels ist zu beachten, dass z.B. die Durchlässigkeit des Untergrundes, die Topographie, oder auch die Nähe von Oberflächengewässern zu erheblichen Schwankungen des Grundwasserspiegels führen können. Auch Wasserhaltungsmaßnahmen in der Nachbarschaft des Grundstücks und ggf. vorhandenes hydraulisches Potential bei gespannten Grundwasserverhältnissen sind in der Planung zu berücksichtigen.

5. Topographie / Gefällesituation

Das Versickerungskonzept muss eine ungeeignete Gefällesituation technisch und wirtschaftlich berücksichtigen. Daher ist für die Planung einer Versickerungsanlage neben einer sorgfältigen Planung der Höhenlage baulicher Anlagen, die genaue Kenntnis über die Topographie des Baugrundstückes und angrenzender Flächen unabdingbar.

6. Versickerungsfähigkeit und Filterwirkung des Untergrundes

 Die Versickerungsfähigkeit und Filterwirkung ist ein maßgebliches Kriterium bei der Beurteilung des  Untergrundes. Sie ist im Wesentlichen von der Korngröße des Bodens, sowie der sogenannten Korngrößenverteilung abhängig. Man unterscheidet gute, gerade noch geeignete, und nicht ausreichend wasserdurchlässige Untergründe. Sehr häufig befindet sich über einem für die Versickerung gut geeigneten Untergrund noch eine Schicht mit einer schlechteren Wasserdurchlässigkeit. In diesen Fällen kann die Versickerung erfolgen, wenn die schlecht durchlässige Schicht hydraulisch wirksam durchstoßen (z.B. durch Schluckbrunnen oder Schachtungen) wird. Im Zweifelsfall muss zu einer genaueren Bewertung der Bodenverhältnisse ein Bodengutachter eingeschaltet werden.

7. Altlasten, Bodenverunreinigungen

 Damit durch eine Versickerung keine bereits im Boden vorhandenen Schadstoffe in das Grundwasser gewaschen werden, darf eine Versickerung nicht auf Grundstücken mit im Boden befindlichen Altlasten oder Bodenverunreinigen erfolgen. Eventuell ist die Zuführung des Regenwassers durch Schächte / Schluckbrunnen bis in den Bereich tiefer liegender, unbelasteter und versickerungsfähiger Schichten möglich. Zusätzlich wird dann jedoch häufig eine Abdeckung tiefliegender unbelasteter Bodenschichten erforderlich werden, damit keine Schadstoffe aus den belasteten Bodenschichten in den neu erschlossenen Versickerungsbereich ausgewaschen werden können.

8. Technische Versickerungslösungen

Welcher technischen Versickerungslösung oder Kombination von Lösungen in der Planung letztlich der Vorzug gegeben wird ist neben den Standortbedingungen, abhängig von der Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit des Gesamtkonzeptes. Neben der raumgreifenden Flächenversickerung, steht auch die Mulden- und Rigolenversickerung, sowie die kombinierte Mulden-Rigolen-Versickerung zur Verfügung. Schachtversickerungen sollten heute in der Regel nur noch für die Versickerung von Regenwasser unverschmutzter Dachflächen in der Planung Verwendung finden und werden zudem häufig nicht mehr genehmigt.

9. Räumliche Anforderungen

Bei der Suche nach der geeigneten Versickerungslösung, sind die Flächenangebote auf dem eigenen Grundstück zu berücksichtigen. Genügen die zur Verfügung stehenden Flächen für die Realisierung einer raumgreifenden Versickerungslösung (z.B. Flächenversickerung, Mulden-Versickerung) nicht, können – eine Zustimmung des Nachbarn vorausgesetzt – ggf. Flächen auf einem nachbarlichen Grundstück in die Planung einbezogen werden. Scheiden Flächenversickerungen aus, da weder in den Freianlagen noch unterhalb des Gebäudes ausreichende und geeignete Flächen zur Verfügung stehen, können je nach Raumangebot, Gefällesituation und Untergrundverhältnissen Mulden-, Mulden-Rigolen-, Rigolen- oder Schachtversickerungen eine Lösung darstellen. Für die Anlage von ggf. erforderlichen Pufferspeichern können, je nach Gefällesituation, auch Hohlräume unterhalb von Gebäuden gebaut werden.

10. Kombinierte Versickerung und Regenwassernutzung

Wird die Versickerung mit einer Nutzung des unbelasteten Regenwassers, z.B. von – nicht metallisch beschichteten – Dachflächen kombiniert, kann der Regenwassereintrag in das Kanalnetz weiter gemindert werden. Damit können zudem Niederschlagsgebühren gespart werden und kostbares Trinkwasser z.B. für die Spülung von WC-Anlagen wird gespart.

Aufgabe der Architekten und Ingenieure ist es, vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Parameter und einer Vielzahl weiterer hier nicht genannter begleitender Bedingungen, ein wirtschaftliches und gestalterisches Optimum in der Behandlung des Niederschlagswassers zu entwickeln. Die Anlagen sollten auch zukünftigen Anforderungen (z.B. veränderten Regenreihen) gewachsen sein und sich als raumgreifende Anlagen angemessen in die Freiflächengestaltung einfügen. Die wirtschaftliche Amortisationszeit der Versickerungsanlagen gemessen an der Höhe der andernfalls erwarteten Einleitgebühren sollte 15 Jahre nicht überschreiten, idealerweise nur ca. 5 Jahre betragen. Für das Aufzeigen von Lösungen in diesen komplexen Aufgabenstellungen stehen Ihnen die Felmede Mandel Architekten + Ingenieure mit einem kompetentem Team von Planungspartnern zur Verfügung.